1. SYMPOSIEN

1. SYMPOSIEN

Wirtz Gustav
Differenzierung der Bedeutung Dissoziativer Symptome und Dissoziativer Störungen: Psychopathologische, neurobiologische und therapeutische Ansätze

Tschöke Stefan
Verbal-akustische Halluzinationen bei Patientinnen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung versus schizophrene Patientinnen

Ludäscher Petra
Neuronale Korrelate dissoziativer Zustände bei Trauma-assoziierten Erkrankungen

Wilhelm-Gössling Claudia
Prozessorientierte Energetische Psychotherapie (PEP) auch als Anti-Dissoziativum?–Interventionen mit PEP bei Traumafolgestörungen

Voigt Wibke
Neurobiologische Grundlagen der Theorie der strukturellen Dissoziation–Möglichkeiten der therapeutischen Umsetzung in ein stationäres Behandlungs-Setting

Purtscher Katharina
Betreuung und Behandlung von Kindern in Situationen existenzieller Bedrohung

Purtscher Katharina
Die Rolle des Gesundheitssystems in der Betreuung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen

Huck Wilfried
Somatogene Dissoziation bei jugendlichen Flüchtlingen

Wintsch Hanna
Psychotraumatologie bei krebserkrankten Kindern, Jugendlichen und ihren Familien

Carvalho-Hartmann Maria Ignez
Wir treffen uns im Himmel–Sandspieltherapie bei traumatisierten Kindern

Hiller Regina
Narrative in der psychotherapeutischen Behandlung von Kindern mit posttraumatischer Belastungsstörung

Keller Rolf
Möglichkeiten und Grenzen stationärer Traumatherapie

Bracke Volker
Möglichkeiten und Grenzen erfolgreicher Stabilisierung im Rahmen stationärer Traumatherapie

Keller Rolf
Möglichkeiten und Grenzen erfolgreicher Traumakonfrontation im Rahmen stationärer Traumatherapie

Schurig Walter
Möglichkeiten und Grenzen stationärer Traumatherapie in einer akutpsychosomatischen Abteilung eines Allgemeinkrankenhauses

Klose Michael
Stationäre Traumatherapie für Patienten mit komplex traumatischen Störungen unter Einbezug systemischer Therapieelemente

Taubert Steffen
Langfristiger Therapieerfolg stationärer Traumatherapie und mögliche Einflussgrößen

Sack Martin
Organisierte Gewalt

Igney Claudia
Organisierte Gewalt–Ein Statement zum Stand des Wissens und der Diskussionen in Deutschland

Schramm Sylvia
Grundlegende Mechanismen der systematischen Manipulation und Konditionierung

Fliß Claudia
Komplexe Konditionierung

Sack Martin
Behandlung von Opfern organisierter Gewalt–eine Übersicht

Kowalski Jens
Epidemiologie und Diagnostik psychischer Erkrankungen von Soldaten nach Auslandseinsätzen

Biesold Karl-Heinz
Stellenwert und Entwicklung psychischer Erkrankungen in militärischen Systemen

Zimmermann Peter
Prävalenzen psychischer Erkrankungen in der Bundeswehr nach Afghanistan-Einsatz–erste Ergebnisse der “Dunkelzifferstudie” der Bundeswehr

Willmund Gerd
Diagnostik psychischer Erkrankungen im militärischen Kontext

Krause Tony
Epidemiologie militärbezogener psychischer Erkrankungen im internationalen Vergleich

Strauß Jochen-Wolf
Traumapädagogik und psychosoziale Traumaarbeit: Praxiskonzeptionen und Forschungsergebnisse

Sänger Regina
Phänomene traumatischer Reinszenierung und Übertragung in der pädagogischen Arbeit mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen

Weiß Wilma
Traumapädagogik - Einordnung in Traumaarbeit, Haltung und das Konzept der Selbstbemächtigung

Gahleitner Silke Birgitta
Komplexe Traumatisierung in der stationären Jugendhilfe begleiten und beraten: Forschungsergebnisse einer Katamnese

Kühn Martin
Trauma und behindertes Leben




1. SYMPOSIEN

Gustav Wirtz:

DIFFERENZIERUNG DER BEDEUTUNG DISSOZIATIVER SYMPTOME UND DISSOZIATIVER STÖRUNGEN: PSYCHOPATHOLOGISCHE, NEUROBIOLOGISCHE UND THERAPEUTISCHE ANSÄTZE

Tschöke Stefan, Deutschland ZfP Südwürttemberg, Abteilung Psychiatrie I der Universität Ulm, Ravensburg

Verbal-akustische Halluzinationen bei Patientinnen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung versus schizophrene Patientinnen

Verbal akustische Halluzinationen (VAH) bei Patienten mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) sind schwer einzuordnen, insbesondere, da sie immer noch als typisch für eine schizophreniforme Erkrankung angesehen werden. Bei diesen Patienten sind lang anhaltende, seit der Kindheit bekannte, VAH beschrieben. Für Patienten mit frühkindlichen Traumatisierungen wird ein dissoziativer Entstehungsmechanismus diskutiert und die psychotische Symptomatik als Manifestation abgespaltener Persönlichkeitsanteile gesehen (Van der Hart et al 2006, Dell PF 2006). Ergebnisse einer phänomenologischen Untersuchung an 23 Patientinnen mit einer BPS versus 21 Patientinnen mit einer Schizophrenie und VAH werden vorgestellt. In der Gruppe der Patientinnen mit einer BPS zeigten sich signifikant höhere Werte in dem Bereich Dissoziation und dem Ausmaß an frühkindlichen Traumatisierungen. Im SKID-D ließ sich bei dieser Gruppe eine komorbide dissoziative Störung diagnostizieren. Die VAH waren in beiden Gruppen phänomenologisch vergleichbar. Unterschiede ließen sich vor allem bei der Erstmanifestation der Stimmen vor dem 18 Lebensjahr finden. Die beiden Gruppen unterschieden sich v. a. im Bereich der Negativsymptomatik und Denkzerfahrenheit, welche in der Gruppe der Patientinnen mit einer BPS kaum bis nicht nachweisbar war. Dieser Aspekt könnte differentialdiagnostisch wegweisend sein.

Ludäscher Petra, Deutschland
Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Klinik für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin, Mannheim

Neuronale Korrelate dissoziativer Zustände bei Trauma-assoziierten Erkrankungen

Dissoziative Zustände sind ein häufig auftretendes Symptom bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung und der PTSD. Das Ziel der vorliegenden Studie war die Untersuchung psychologischer, sensorischer (Schmerzempfinden) und neuronaler Korrelate dissoziativer Zustände bei Patientinnen mit diesen Störungsbildern. 15 unmedizierte Patientinnen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung wurden untersucht. 10 davon zeigten eine komorbide PTSD. Wir wandten das Skript-driven Imagery Paradigma an. Dabei wurden den Teilnehmerinnen zwei Skripts während fMRT präsentiert: eine autobiographisch Dissoziations-induzierende Situation (DS) und eine autobiographisch emotional neutrale Situation (NS). Außerdem wurden Dissoziation und Schmerzempfinden während der fMRT-Untersuchung erfasst. Die Ausprägung der Dissoziation war signifikant erhöht und das Schmerzempfinden reduziert während des DS im Vergleich zu dem NS. Funktionelle Ergebnisse zeigten eine signifikante Aktivierung im linken inferioren Gyrus während des DS im Vergleich zu dem NS. Regressionsanalysen zeigten außerdem eine positive Korrelation zwischen BOLD Signal und Dissoziation im linken superioren frontalen Gyrus. In der PTSD-Subgruppe zeigte sich außerdem eine signifikante Aktivierung im linken Cingulum während des DS im Vergleich zu dem NS, eine positive Korrelation zwischen BOLD-Signal und Dissoziation in der Insel und eine negative Korrelation im rechten parahippokampalen Gyrus. Dissoziation kann demnach mit Hilfe der Script-Driven Imagery Methode evoziert werden. Die neuronalen Korrelate deuten auf ein fronto-limbisches Inhibitionsmuster während induzierter Dissoziation hin.

Wilhelm-Gössling Claudia, Deutschland
AMEOS Klinikum, Hildesheim

Prozessorientierte Energetische Psychotherapie (PEP) auch als Anti-Dissoziativum?–Interventionen mit PEP bei Traumafolgestörungen

Fokussiert auf ein Thema/Symptom werden mit PEP u. a. Akupunkturpunkte geklopft. Zusatztechniken wie PEP, die multiple neuronale Netzwerke aktivieren, können dabei helfen - quasi “antidissoziativ” - traumatische Erinnerungen zu verändern sowie Traumafolgesymptome zu reduzieren. Vorgestellt wird eine Untersuchung, die in Kooperation mit einer Rehabilitationsklinik für Frauen mit Abhängigkeitserkrankungen, durchgeführt wurde. Zudem wird die Technik demonstriert. Bei Frauen mit (komplexer) PTBS und komorbider Substanzabhängigkeit wurde die Effektivität von PEP (n=28) im Vergleich mit einer Kontrollgruppe (n=30) untersucht. Bei Aufnahme, bei Entlassung und nach einem Jahr wurden Schwere und Häufigkeit posttraumatischer, dissoziativer und unspezifischer psychopathologischer Symptome sowie das Kohärenzgefühl gemessen (PDS, FDS, BDI, SCL-90, SOC). Nach der Behandlung zeigten Patientinnen der PEP-Gruppe bei gleichen Ausgangswerten signifikant bessere Werte für alle Zielvariablen als Patientinnen der Kontrollgruppe (mit überwiegend sehr hohen Effektstärken). Zudem zeigten Patientinnen der PEP Gruppe in der Katamnese noch seltener dissoziative Symptome als bei Entlassung, während diese in der Kontrollgruppe wieder häufiger auftraten. - Weitere Untersuchungen sind erforderlich, um die Ergebnisse abzusichern.

Voigt Wibke, Deutschland
Fachklinik St. Vitus GmbH, Visbek

Neurobiologische Grundlagen der Theorie der strukturellen Dissoziation–Möglichkeiten der therapeutischen Umsetzung in ein stationäres Behandlungs-Setting

Die Theorie der strukturellen Dissoziation stützt sich auf die klinischen Beobachtungen des französischen Psychiaters Pierre Janet, der Symptome wie Amnesie, Fugue, Konversionssymptome sowie das Auftreten von alternierenden Persönlichkeitsanteilen der Existenz abgespaltener Teile der Persönlichkeit zuschrieb, verursacht durch frühe traumatische Erfahrungen. In der Theorie der strukturellen Dissoziation werden evolutionsbiologische Ansätze nach Panksepp 1989 zu Grunde gelegt sowie Hypothesen zu neurologischen Korrelaten der pathologisch veränderten Persönlichkeitsstruktur aufgestellt. Die Theorie differenziert zwischen den sogenannten emotionalen Persönlichkeitsanteilen, welche die traumatischen Erinnerungen speichern sowie einen bzw. mehreren anscheinend normalen Persönlichkeitsanteilen, die die Alltagsfunktionen übernehmen. Dabei gehen die Autoren von einer pathologischen Dissoziation aus. Die Behandlung von Patientinnen mit dissoziativen Störungen ist auf Grundlage der Theorie der strukturellen Dissoziation in einem stationären Behandlungssetting unter bestimmten Voraussetzungen möglich. Dieses wird im zweiten Teil des Vortrages vorgestellt.

Katharina Purtscher:

BETREUUNG UND BEHANDLUNG VON KINDERN IN SITUATIONEN EXISTENZIELLER BEDROHUNG

Purtscher Katharina, Österreich
Landesnervenklinik Sigmund Freud, Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Graz

Die Rolle des Gesundheitssystems in der Betreuung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen

Im Artikel 6 Abs.2 der Kinderrechtskonvention verpflichten sich “die Vertragsstaaten in größtmöglichem Umfang das Überleben und die Entwicklung des Kindes zu gewährleisten.” Dies gilt in besonderem Maße für den Schutz von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen (UMF), nämlich Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren, die außerhalb ihres Heimatlandes und getrennt von beiden Eltern oder ihren gesetzlichen Vertretern und Obsorgeberechtigten leben. Das verpflichtet auch die Gesundheitseinrichtungen, zu deren Aufgaben die Prävention, Behandlung, Rehabilitation und Gesundheitsförderung bei somatischen, emotionalen, mentalen und sozial bedingten Leidenszuständen und Gesundheitsbeeinträchtigungen zählen. In einer gemeinsamen Initiative der Organisationen International Save the Children Alliance und United Nations High Commissioner for Refugees wurden durch das “Separated Children in Europe Programme” (SCEP) Rahmenempfehlungen für die Betreuung von UMF erstellt und die zu beachtenden Grundprinzipien für die Betreuung von UMF in den EU-Mitgliedsstaaten formuliert. Ziel ist es für UMF in den verschiedenen Aufnahmeländern in Europa einheitlich die Beachtung der medizinischen und psychosozialen Bedürfnisse im Prozess der Erstaufnahme zu gewährleisten.

Huck Wilfried, Deutschland
LWL-Universitätsklinik Kinder- und Jugendpsychiatrie, Hamm

Somatogene Dissoziation bei jugendlichen Flüchtlingen

Anhand eigener therapeutischer Erfahrungen mit jugendlichen Flüchtlingen aus verschiedenen Ländern mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund sollen die besonderen psychische Belastungen und spezifischen Behandlungsprobleme im Rahmen der Traumabehandlung von jugendlichen Migranten dargestellt werden. Im Mittelpunkt der Fallanalysen stehen insbesondere die somatoformen Beschwerden bei Jugendlichen, die Phänomenologie des Schmerzgedächtnisses, die Differentialdiagnosen von dissoziativen Störungen, das Konzept der somatoformen Dissoziation von Ellert Nijenhuis und die durch Institutionen induzierte sekundäre Traumatisierung.

Wintsch Hanna, Schweiz
Ostschweizer Kinderspital, St. Gallen/Zürich

Psychotraumatologie bei krebserkrankten Kindern, Jugendlichen und ihren Familien

Eine Krebserkrankung im Kindes- und Jugendalter mit häufigen Hospitalisierungen, invasiven Behandlungen und langer Isolation von SchulkollegInnen und altersentsprechenden Aktivitäten stellt für das ganze Familiensystem eine anhaltend hohe Belastung dar (vgl. Anhaltende Belastungsreaktion AWMF Leitlinie 025-002). Speziell Diagnose- und Rezidivphase sind anfällig für mögliche Belastungsreaktionen. Je nach Alter sind unterschiedliche Interventionen erforderlich. Für Jugendliche bedeutet die lebensbedrohliche Krankheit einen massiven Einschnitt in die Autonomie- und Identitätsentwicklung. Manchmal benötigen die Eltern, insbesondere bei kleinen Kindern, mehr Unterstützung als das erkrankte Kind. Die Geschwister werden–oder fühlen sich–oft vernachlässigt. Generell, aber besonders in der Palliativphase muss das ganze Familiensystem im Auge behalten werden, gleichzeitig gilt es, die individuellen Verarbeitungsstrategien zu respektieren. Klinische Erfahrungen zeigen, dass in der pädiatrischen Psychoonkologie Stabilisierung, Ressourcenaktivierung und resilienzorientierte Interventionen aus der Psychotraumatologie prioritär sind. Ziel ist eine Reduktion der akuten Belastung durch die maligne Erkrankung und gleichzeitig die Prävention von Traumafolgestörungen bei allen Familienmitgliedern.

Carvalho-Hartmann Maria Ignez, Deutschland
Speyer

Wir treffen uns im Himmel–Sandspieltherapie bei traumatisierten Kindern

Die Sandspieltherapie erweitert das Spektrum der Traumatherapien. Eingebettet in eine kinderanalytische Therapie wird der Sandspieltherapieprozess eines achtjährigen Jungen dargestellt, nachdem er die Krebserkrankung und den körperlichen Zerfall seiner Mutter bis zu deren Tod ein Jahr lang miterlebte. Die unfassbaren Gefühle eines Kindes bei einem solchen Verlust und die folgende post-traumatische Symptomatik mit Angst und Albträumen werden hier als Sandbilder dargestellt. Der Therapieprozess macht deutlich, wie nach einer Reihe von archaischen und transpersonellen Sandbildern das fragmentierte Ich wieder stärker im Bewusstsein auftaucht und integriert wird. Durch die Symbolisierung unerträglicher und unausgesprochener Gefühle entsteht zuerst die Akzeptanz des Unvermeidbaren und die Ausarbeitung des Trauerprozesses. Die Sandspieltherapie nach Dora Kalff basiert auf der analytischen Psychotherapie nach C.G. Jung. Sie bietet mittels des Sandkastens einen einen “freien und geschützten Raum”, in dem das Erleben des Erschreckens seinen Ausdruck finden kann. Auf diese Weise werden im freien, kreativen Spiel unbewusste Vorgänge in dreidimensionaler Form dargestellt. Die so entstandene Reihe von Sandbildern, ergänzt mit freiem Malen und Traumerzählungen zeigt wie die Blockade der psychischen Energie aufgehoben werden kann. In dieser Form wird der Symbolisierungsprozess sichtbar.

Hiller Regina, Deutschland
LWL-Universitätsklinik Kinder- und Jugendpsychiatrie, Hamm

Narrative in der psychotherapeutischen Behandlungen von Kindern mit posttraumatischer Belastungsstörung

Dargestellt werden die ersten empirischen Ergebnisse in der psychotherapeutischen Behandlung von Kindern im Altern von 7-13 Jahren mit posttraumatischer Belastungsstörung im stationären Setting mit Hilfe von Narrativen (Geschichten). Die Arbeit mit Narrativen (Geschichten) hat zum Ziel, die Einzelreize, die durch das Trauma ohne Verbindung zueinander gespeichert sind und als beziehungslose Fragmente vorliegen zu einer Erinnerungsgeschichte mit einem Anfang und einem Ende zusammenzufügen. In diesem Sinne werden die ím impliziten sogenannten “Traumagedächtnis” gespeicherten Erinnerungen in das explizite Gedächtnis überführt und so der Verarbeitung zugänglich gemacht (Schubbe 2006). Das Verfahren ist eine kreative Variante des EMDR-Verfahrens (Eye-Movemet Desensitization and Reprocessing), das ein historisch junges, jedoch therapeutisch hoch wirksames, evidenzbasiertes Verfahren zur Behandlung von posttraumatischer Belastungsstörung und anderen Traumafolgestörung darstellt (Shapiro 2003). Die Wirksamkeit von Narrativen wurde im Rahmen einer Interventionsstudie in Zusammenarbeit mit der LVR- Klinik Essen (Dr. Tagay/Prof. Senf) überprüft. Die ersten empirischen Ergebnisse belegen eine signifikante Reduktion nicht nur der posttraumatischen Symptomatik, sondern auch ein Rückgang depressiver Symptome, die als komorbide Störung aufzufassen sind.

Rolf Keller:

MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN STATIONÄRER TRAUMATHERAPIE

Bracke Volker, Deutschland
Helios-Klinik für Psychosomatische Medizin, Bad Grönenbach

Möglichkeiten und Grenzen erfolgreicher Stabilisierung im Rahmen stationärer Traumatherapie

Nach welcher Systematik und mit welcher Zielsetzung werden die im Rahmen der traumatherapeutischen Stabilisierungsphase bekannten Methoden im stationären Rahmen verwendet bzw. empfohlen? Haben TherapeutInnen jeweils persönlich bevorzugte “Werkzeuge”, zu denen sie greifen (lassen)? An welchen Kriterien einer differentiellen Indikation orientieren sie sich dabei? Welcher Ordnung unterliegen die Methoden, z.B. imaginativ vs. gegenwartsorientiert / kognitiv vs. körperzentriert / antidissoziativ vs. aktiv dissoziierend / aktivierend vs. entspannend / nährend-fördernd vs. strukturierend-fordernd / situativ-variabel vs. ritualisiert eingeübt? Auf der Basis eines Überblicks über Stabilisierungstechniken, die aktuell bei stationärer Traumatherapie zur Anwendung kommen, wird diesen Fragen nachgegangen. Darüber hinaus wird ein Ansatz vorgeschlagen, “erfolgreiche” Stabilisierung zu operationalisieren. Der Beitrag spiegelt den Diskussionsstand in der DeGPT-Arbeitsgruppe “Stationäre Traumatherapie” zur Stabilisierungsphase wieder.

Keller Rolf, Deutschland
AHG Klinik Berus, Überherrn-Berus

Möglichkeiten und Grenzen erfolgreicher Traumakonfrontation im Rahmen stationärer Traumatherapie

Vor dem Hintergrund des aktuellen Forschungsstandes wird zunächst auf Kriterien zur Indikation bzw. Kontraindikation für Traumakonfrontation im Rahmen stationärer Traumatherapie eingegangen. In der Konfrontationsphase können verschiedene Teilziele unterschieden werden (z.B. Reduktion von Hilflosigkeit bei Aufbau von Bewältigungsstrategien, Abbau von kognitiven und motorischen Vermeidungsstrategien, Habituation, Neubewertung belastender traumaassoziierter Aspekte). Bezug nehmend auf diese Teilziele werden verschiedene Methoden zur Konfrontation mit den traumatischen Ereignissen und den Traumafolgen dargestellt. Abhängig von störungsspezifischen Variablen (v.a. psychische Stabilität, Traumaart und -typ, Komorbidität), soziodemographischen Variablen (Alter, Geschlecht, beruflicher Status usw.), umweltabhängigen Variablen (soziale Unterstützung oder Belastung), behandlungsbezogenen Variablen (z.B. Art und Häufigkeit der Therapieangebote), institutionellen Rahmenbedingungen (z.B. Kostenträgerauftrag, Verweildauer) oder Nachsorgemöglichkeit (z.B. Intervallbehandlung) werden Möglichkeiten und Grenzen für Traumakonfrontation im Rahmen einer stationären Traumatherapie aufgezeigt. Dabei wird auch auf empirische Daten zurückgegriffen.

Schurig Walter, Deutschland
St. Agatha-Krankenhaus, Köln

Möglichkeiten und Grenzen stationärer Traumatherapie in einer akutpsychosomatischen Abteilung eines Allgemeinkrankenhauses

Unter Berücksichtigung der besonderen Setting- und Rahmenbedingungen im Allgemeinkrankenhaus befasst sich der folgende Beitrag mit Möglichkeiten und Grenzen stationärer Traumatherapie im Rahmen einer akutpsychosomatischen Abteilung eines Allgemeinkrankenhauses. Exemplarisch wird das Konzept der stationären Traumatherapie des St. Agatha-Krankenhauses Köln dargestellt. Dabei wird auf folgende Aspekte eingegangen: Kriterien zur Indikation bzw. Kontraindikation einer stationären Traumatherapie in der Akut-Psychosomatik, förderliche und limitierende Bedingungen im Krankenhaussetting sowie günstige und ungünstige Faktoren oder Einflussgrößen stationärer Traumatherapie in Kooperation mit Zuweisung, Kostenträgern und Nachsorgeeinrichtungen. Die Diskussionspunkte werden anhand praktischer Erfahrungen und Ergebnisse illustriert.

Klose Michael, Deutschland
Nitschke Mechtild, Kozerski Lilly, Schellong Julia, Universitätsklinikum Carl Gustav Carus, Dresden

Stationäre Traumatherapie für Patienten mit komplex traumatischen Störungen unter Einbezug systemischer Therapieelemente

Zur Behandlung komplex Traumatischer Störungen werden multimodale Konzepte gefordert. Der Einfluss der Primärfamilie auf die aktuelle Beziehungsgestaltung hat bei der Genese und Aufrechterhaltung dieser Störungen einen hohen Stellenwert. Die Bewertung einzelner Therapieelemente ist dabei empirisch wenig untermauert. Bei 358 stationären Patienten mit psychosomatischen Störungen wurde der Zusammenhang zwischen Kindheitstraumata, Vorliegen von Komorbidität und Therapieerfolg untersucht. Bei drei Patienten wurde ein spezifisches Therapieelement (Familienskulptur) qualitativ im Längsschnitt untersucht. Das Ausmaß von Kindheitstraumata korrelierte mit der Komorbidität und dem Verlauf des Therapieerfolges signifikant. Erste qualitative Auswertungen zur Familienskulptur zeigen die hohe subjektive positive Bedeutsamkeit für den Behandlungsverlauf vermutlich durch Expositionsanteil und Verbesserung der Gruppenintegration. Die Untersuchung zeigt, dass stationäre Behandlungsergebnisse abhängig von Schweregrad der Traumatisierung und Komorbidität sind. Durch Einbezug familientherapeutischer Maßnahmen scheint über die reine Konfrontation hinaus der Komplexität der Störung (Verflechtung mit Beziehungsaspekten) besser Rechnung getragen zu werden. Kontrollierte Studien zu dieser Fragestellung scheinen vor diesem Hintergrund lohnenswert.

Taubert Steffen, Deutschland
Keller Rolf, AHG Klinik Berus, Überherrn-Berus

Langfristiger Therapieerfolg stationärer Traumatherapie und mögliche Einflussgrößen

Bereits in früheren Untersuchungen erwies sich das verhaltensmedizinische Behandlungskonzept der AHG Klinik Berus als langfristig wirksam, jedoch ergaben sich immer wieder Unterschiede zwischen Subgruppen Traumatisierter hinsichtlich Behandlungsverläufen und -ergebnissen. Es wurde wiederholt postuliert, die an kleineren Stichproben gewonnenen Daten an größeren Stichproben zu überprüfen. Der vorliegende Beitrag berichtet von neueren Ergebnissen der 1-Jahreskatamnese der stationären Traumatherapie an der AHG Klinik Berus bei 194 stationär behandelten Patientinnen und Patienten. Bei ca. 2/3 fand sich für die traumaspezifischen Messinstrumente PDS und IES-R sowohl bei Klinikentlassung als auch 1 Jahr danach eine deutliche Besserung der Traumasymptomatik und Bewältigungsmöglichkeiten (mit hohen bzw. guten mittleren Effektstärken), während sich ca. 1/3 dagegen nicht besserte oder sogar verschlechterte (wiederum mit relativ hohen Effektstärken). Schwächere Effektstärken ergaben sich für SCL-90-R und BDI. Es werden Zusammenhänge soziodemographischer, störungsbezogener, Setting- und behandlungsbezogener Variablen mit positiven und negativen Behandlungsverläufen diskutiert. Die Ergebnisse implizieren eine notwendige Anpassung des stationären Behandlungskonzepts.

Martin Sack:

ORGANISIERTE GEWALT

Igney Claudia, Deutschland
VIELFALT e.V., Bremen

Organisierte Gewalt–Ein Statement zum Stand des Wissens und der Diskussionen in Deutschland

Praxiserfahrungen in der Begleitung/Beratung/Therapie von Betroffenen Organisierter und Ritueller Gewalt beinhalten als zentrale Punkte: Dissoziation, ideologische Indoktrinierung, schwere Straftaten (Menschenhandel, Kinderpornographie etc.), Zwang zur Geheimhaltung und komplexe Problemlagen. Häufig wird berichtet, dass Kinder generationenübergreifend der Ideologie und den Tätern ausgesetzt sind und Täter gezielt durch Manipulation und Konditionierung unter Folter dissoziative Identitätsstrukturen erzeugen. Die Ideologie dient als Sinngebung und Rechtfertigung der Gewalt, eigene (erzwungene) (Mit-)Täterschaft verstärkt die Bindung. Ein Ausstieg aus diesen Strukturen bedeutet i.d.R. massive Bedrohung. Diese Rahmenbedingungen stellen besondere Anforderungen an interdisziplinäre Unterstützungskonzepte. Dennoch hat das Thema bisher wenig Eingang in die (wissenschaftliche) Forschung gefunden und es fehlen international einheitliche, für Wissenschaft und Praxis taugliche Definitionen für verschiedene Ausprägungen Organisierter Gewalt. Welche (möglichen) Forschungszugänge gibt es? Welche methodischen und ethischen Fragen treten dabei auf? Wo liegt der Forschungs- und Handlungsbedarf? Ergänzend werden im Vortrag einige spezifische Herausforderungen aufgezeigt, die Betroffene und professionelle UnterstützerInnen als zentral ansehen bei der Bewältigung der Folgen organisierter Gewalt.

Schramm Sylvia, Deutschland
Zentrum für Psychotraumatologie e.V., Kassel

Grundlegende Mechanismen der systematischen Manipulation und Konditionierung

Anhand von Schilderungen Betroffener und professioneller HelferInnen werden im Vortrag Strukturen im Vorgehen von Tätergruppen analysiert. Tätergruppen nutzen gezielt Expertenwissen über Lerntheorie, kognitive Manipulation und Abrichtung, hypnotherapeutisches Know-How und bewusstseinsverändernde Drogen, um Kinder systematisch zu trainieren. Dies reicht von einfachem Bestrafungslernen, aktivem Erzeugen von Dissoziationen, Fixieren von Grundüberzeugungen wie Schweigegeboten und lebenslanger Zugehörigkeit zur Gruppe, Training zu absolutem Gehorsam bis hin zur Ausbildung für Spezialaufgaben. Viele der Betroffenen sind später stark dissoziativ und erinnern im Alltagsbewusstsein höchstens Bruchstücke des Geschehenen, die von ihnen selbst und Außenstehenden zunächst als “skuril” oder “perverse Fantasien” abgetan werden. Ziel des Vortrages ist die Verbesserung der Nachvollziehbarkeit solcher Berichte und Verhaltensweisen, damit Betroffene zukünftig leichter und schneller angemessene Unterstützung auf allen Ebenen der Gesellschaft erhalten können.

Fliß Claudia, Deutschland
Bremen

Komplexe Konditionierung

Der Vortrag basiert auf Erfahrungen aus der langjährigen therapeutischen Praxis. Es wird beschrieben, wie einige Tätergruppen (z.B. satanistische Kulte) aufbauend auf grundlegenden Mechanismen der systematischen Manipulation und Konditionierung gezielt dissoziative Identitätsstrukturen bei Kindern erzeugen und für ihre Ziele nutzen. Unter Folter werden komplexe Ketten konditionierter Verhaltensweisen erlernt und an einzelne Persönlichkeiten der Dissoziativen Identitätsstruktur gebunden. Täter können dann gezielt durch konditionierte Auslöser bewirken, dass die jeweiligen Persönlichkeiten diese Verhaltensweisen unter hohem Trauma-Stress und meistens ohne eine bewusste Realisierung der aktuellen Situation in einem Flashback ausführen. Ein Verständnis dieser Mechanismen ist notwendig für den Ausstieg aus den Gewaltstrukturen und erfolgreiche Traumatherapie.

Sack Martin, Deutschland
Technische Universität München

Behandlung von Opfern organisierter Gewalt–eine Übersicht

An erster Stelle der Hierarchie von Behandlungszielen bei Opfer organisierter Gewalt stehen die persönliche Sicherheit und der Schutz vor weiterer Traumatisierung. Da in aller Regel eine erhebliche dissoziative Symptomatik vorliegt, kommt es vor, dass Betroffene entgegen Absprachen und entgegen ihrem Willen, Kontakt zu Täterkreisen halten, bzw. von diesen aktiv kontaktiert werden. Wir stellen eine Systematik von Behandlungsstrategien vor, die darauf zielen, die innere Kommunikation zu fördern und damit Einfluss und Kontrolle über die eigenen Handlungen und Reaktionen zu gewinnen. Scheinbar destruktive Anteile oder scheinbar täterloyale Seiten der Persönlichkeit können in ihrer Funktionalität verstanden und in kooperativer Weise für die Stabilisierung genutzt werden. Eine konfrontative Behandlung mit ressourcenorientierten Techniken kann in diesem Zusammenhang helfen, innere Ängste und Belastungen zu reduzieren und dadurch die Funktionsfähigkeit im Alltag zu verbessern.

Jens Kowalski:

EPIDEMIOLOGIE UND DIAGNOSTIK PSYCHISCHER ERKRANKUNGEN VON SOLDATEN NACH AUSLANDSEINSÄTZEN

Biesold Karl-Heinz, Deutschland
Bundeswehrkrankenhaus Hamburg

Stellenwert und Entwicklung psychischer Erkrankungen in militärischen Systemen

Mit zunehmender Belastung von Soldaten in westlichen Streitkräften durch Auslandseinsätze ist es in den letzten Jahren zu einem erheblichen Anstieg einsatzbedingter psychischer Erkrankungen in den militärischen medizinischen Versorgungssystemen gekommen. Die dadurch entstandenen quantitativen und qualitativen Wandlungsprozesse der Wehrpsychiatrie insbesondere in der Bundeswehr werden referiert und bewertet, gerade auch im Hinblick auf zukünftige Entwicklungen.

Zimmermann Peter, Deutschland
Psychotraumazentrum der Bundeswehr Berlin

Prävalenzen psychischer Erkrankungen in der Bundeswehr nach Afghanistan-Einsatz–erste Ergebnisse der “Dunkelzifferstudie” der Bundeswehr

Im Jahr 2010 wurde in der Bundeswehr eine epidemiologische Studie zu Prävalenzen psychischer Erkrankungen von Soldaten mit und ohne Afghanistan-Einsatz durchgeführt. 1600 Einsatzsoldaten wurden mit 800 Kontrollprobanden ohne Auslandseinsatz verglichen. Zur Anwendung kam das neu entwickelte standardisierte CIDI-Mi-Interview. Erste Ergebnisse dieser Untersuchung werden referiert und im Hinblick auf zukünftige präventive und therapeutische Strategien in der Bundeswehr diskutiert.

Willmund Gerd, Deutschland
Psychotraumazentrum der Bundeswehr Berlin

Diagnostik psychischer Erkrankungen im militärischen Kontext

Psychische Erkrankungen, die bei Soldaten in und nach Auslandseinsätzen entstehen, weisen eine Reihe von Besonderheiten sowohl in der Pathogenese als auch in der symptomatologischen Ausgestaltung und dem Verlauf auf. Diese finden sich in dieser Form in der zivilen Psychotraumatologie nicht wieder, beispielsweise wenn Kampfhandlungen Teil des traumatogenen Geschehens sind. Aus diesem Grund wurden in den vergangenen Jahren diagnostische Verfahren entwickelt, die speziell auf das militärische Umfeld abgestimmt sind. Diese Verfahren werden exemplarisch vorgestellt und diskutiert.

Krause Tony, Deutschland
Braas Roger, Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz

Epidemiologie militärbezogener psychischer Erkrankungen im internationalen Vergleich

In den vergangenen Jahren wurden mehrere epidemiologische Untersuchungen in westlichen Armeen zu Prävalenzen psychischer Erkrankungen nach Auslandseinsätzen durchgeführt. Abhängig von der Art der zugrundeliegenden Einsatzszenarien, aber auch von nationalen Besonderheiten kam es zu erheblichen quantitativen und qualitativen Differenzen. Diese werden exemplarisch dargestellt und mögliche Hintergründe der Unterschiede diskutiert. Beispielhaft werden daraus resultierende unterschiedliche Vorgehensweisen in der psychiatrischen Erstversorgung traumatisierter Soldaten im Vergleich amerikanischer und deutscher Streitkräfte in Afghanistan vorgestellt.

Jochen-Wolf Strauß:

TRAUMAPÄDAGOGIK UND PSYCHOSOZIALE TRAUMAARBEIT: PRAXISKONZEPTIONEN UND FORSCHUNGSERGEBNISSE

Sänger Regina, Deutschland
Udolf Margarete, Psychologische Praxis für Beratung und Traumapädagogik, Bremen

Phänomene traumatischer Reinszenierung und Übertragung in der pädagogischen Arbeit mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen

Traumatisierte Mädchen und Jungen lösen in ihrem Umfeld starke Gefühle aus und stehen oft im Mittelpunkt dramatischer Reinszenierungen. Sie geraten immer wieder in bedrohliche Situationen oder wiederholen gewaltvolle Beziehungsmuster. Traumatische Übertragungen binden die Betroffenen an die Trauma-Erfahrungen, neue Beziehungserfahrungen mit Gleichaltrigen und Erwachsenen werden durch alte Erlebnisinhalte beeinträchtigt, eine erreichte Stabilisierung wird stark gestört. Bei traumatischen Übertragungen geht es für die Betroffenen immer “um Leben oder Tod”. Mit solch dramatischer Vehemenz konfrontiert zu sein, stellt für die HelferInnen eine hohe Belastung dar. Gegenübertragungsreaktionen wie Wut, Ohnmacht, Ekel, Ablehnung oder Allmachts- und Rettungsphantasien führen zu dem Gefühl, pädagogisch nicht wirksam handeln zu können und in Teams zu Spaltung. Professionelle Beziehungsarbeit fordert von den Fachkräften flexibles Pendeln zwischen Verständnis und Distanzierung, wobei die Gegenübertragung als Verstehenshilfe dienen kann. Auch im Sinne der Selbstfürsorge ist ein kompetenter Umgang mit Reinszenierung sowie Übertragung und Gegenübertragung notwendig. Anderenfalls laufen Fachkräfte Gefahr, von Traumainhalten der Kinder und Jugendlichen wiederholt überflutet und als Folge sekundär traumatisiert zu werden.

Weiß Wilma, Deutschland
Fachleitung Zentrum für Traumapädagogik, Hanau

Traumapädagogik - Einordnung in Traumaarbeit, Haltung und das Konzept der Selbstbemächtigung

Die neue Fachdisziplin Traumapädagogik ist ein Bestandteil der Traumaarbeit. Die Diskussion um die Traumapädagogik nutzt der Enttabuisierung von Traumata, der Vergesellschaftung und der Demokratisierung von notwendigem Wissen in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe und in Bildungs- und Erziehungseinrichtungen. Die Fachrichtung Traumapädagogik sucht neue Standards, um die Unterstützung traumatisierter Mädchen und Jungen überall dort wo sie leben und lernen, zu ermöglichen. Unsere (Zentrum für Traumapädagogik) Haltung ist von zwei Aussagen geprägt: 1. Traumatisierte Menschen reagieren normal auf extreme, nicht normale Geschehnisse; 2. wir sind die Profis, die Kinder sind die Experten ihres Lebens. Auf dieser Grundlage ist das Konzept der Selbstbemächtigung entstanden, ein traumapädagogisches Konzept, dass in allen Einrichtungen, in denen Kinder und Jugendliche leben und lernen, Anwendung finden kann. Indem die Mädchen und Jungen Sich-Verstehen, Akzeptieren, Regulieren lernen, entwickeln sie einen inneren sicheren Ort und bemächtigen sich ihrer selbst, werden vom Objekt zum Subjekt.

Gahleitner Silke Birgitta, Deutschland
Alice-Salomon-Hochschule, Berlin

Komplexe Traumatisierung in der stationären Jugendhilfe begleiten und beraten: Forschungsergebnisse einer Katamnese

Unter dem Blickwinkel der Zunahme komplexer Traumata und psychischer Beeinträchtigungen in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe wird zunehmend die Frage nach der Fundierung psychosozialer Arbeitsansätze im Traumabereich gestellt. Im Rahmen einer Katamnesestudie in stationären Einrichtungen der Berliner Jugendhilfe (KATA-TWG) wurde Einflussfaktoren für nachhaltig wirksame Betreuung nachgegangen. Zielsetzung der Studie war eine explorative Annäherung an Wirkungsforschung über eine mehrperspektivische Evaluation: eine quantitative Aktenanalyse von 237 Betreuungsakten und eine qualitative Erhebung über problemzentrierte Interviews mit ehemaligen BewohnerInnen, BetreuerInnen sowie Fokusgruppen. Eine Triangulation der Ergebnisse ergab einen Erfolgsindex von ca. 70 Prozent und als elementare Charakteristika der Betreuungsqualität: dialogische Beziehungsorientierung im partizipativ geteilten Lebens-Alltag, Fachkompetenz zu Trauma und weiteren Störungsbildern, personelle, disziplinäre wie methodische Vielfalt sowie psychosoziale Vernetzungskompetenz (lebenswelt- und umfeldorientiert, innerinstitutionell und interinstitutionell). Die Ergebnisse weisen zahlreiche Bezüge zu traumapädagogischen Konzeptionen und Vorgehenseisen auf. Die Studie wird vorgestellt und auf konzeptionelle Weiterentwicklungen für die stationäre Kinder- und Jugendhilfe hin reflektiert.

Kühn Martin, Deutschland
SOS–Kinderdorf Worpswede; T.R.A.I.N.

Trauma und behindertes Leben

Menschen, insbesondere Kinder, mit Behinderungen stellen in Bezug auf Traumatisierungen eine besondere Hochrisikogruppe dar. Die psychischen Auswirkungen von Ablehnung, Abweisung und Ausgrenzung, sowie einem erhöhten Gewaltrisiko werden nicht selten als solche erkannt, sondern der angeblichen “Behinderung” zugeschrieben. Pädagogische Hilfesysteme, die sich nicht vergegenwärtigen, dass ein Kind mit Behinderungen auf existenzbedrohende und -verleugnende Stresserfahrungen mit denselben psychischen Bewältigungsmustern reagiert wie andere Kinder auch, werden so - entgegen ihrer eigentlichen Absichten - zu entwicklungsbehindernden Systemen. Die Auswirkungen traumatisierender Umweltfaktoren unter behindernden Lebensbedingungen erfordern eine besondere Traumasensibilität der Fachkräfte, um entsprechend wirksame Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.

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European Journal of Psychotraumatology eISSN 2000-8066
European Journal of Psychotraumatology Supplement eISSN 2000-8066, ISSN 2000-8198 (print)

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Responsible editor: Miranda Olff